Am Morgen danach

Das Memorandum ist beschlossen. Was aus Griechenland und der Europäischen Union wird, ist offener denn je. Das politische Projekt der EU, sich selbst auf eine neue Grundlage zu stellen mit der Zustimmung der Bürger_inn_en ist gescheitert. Was 2005 mit dem Nein der französichen Bürger_innen im Referendum seinen Anfang nahm, sich im Nein in den Niederlanden und Irland manifestierte, hat nach den Platzbesetzungen in Spanien und Griechenland mit dem Ja der griechischen Abgeordneten zum Memorandum sein Ende gefunden.
Die wesentlichen – vereinfacht neoliberalen – Prinzipien des Lissabon-Vertrags sind machtpolitisch durchgesetzt im Chaos der ja – was – Finanzkrise, Schuldenkrise, Eurokrise, EU-Krise, Demokratiekrise?
Doch wer gestern auf dem Syntagma oder sonstwo in Athen unterwegs war, hat noch keine Idee, was daraus folgen soll, weder im Alltag noch im weiteren politischen Geschehen.
Zu überwältigend sind die Eindrücke. Das war kein Aufstand. Das war auch kein Fatalismus. Es war eine klare Kante an „ihre Abgeordneten“: Wir sind nicht einverstanden. Ein machtvolles und ohnmächtiges Ereignis.
Der ehemalige Ministerpräsident Simitis musste in seinem Haus – in Hamburg wäre das Pöseldorf – vor aufgebrachten Bürger_innen geschützt werden. Zigtausende Demonstrant_inn_en wurden einfach stundenlang mit Tränengas auf dem Syntagma eingenebelt bis es nicht mehr zum Aushalten war Maalox sei Dank und Gasmasken zum Trotz. Wir hatten eine Vielzahl von Begegnungen, Interviews und Fragen, bei dem wir uns zum einen – von oft nationalistischen Hellenen – beschimpfen lassen oder verteidigen mussten und zum anderen viel Zuspruch und Neugier fanden. Kein wirklicher Platz für schwabinggradsche Ironie oder Hintergründigkeit, doch Fuck ist ein richtiger Kommentar zur Lage.
Heute morgen ist gewöhnlicher Alltag in Athen. Gestern wurde das Griechenland, in und mit dem viele groß geworden sind, beerdigt. Das Europa, in dem viele von uns groß geworden sind, ist heute mehr denn je eine Kampfzone, in der wir mit unserem Nein oder nicht einverstanden sein, noch keine Exit-Strategie haben.
Wir berichten weiter. Es ist gut hier zu sein.

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