“Es gibt keine Alternative!”
Die streikenden Stahlarbeiter von Elliniki Chalyvourgia

Streikbüro von Elliniki Chalyvourgia

Streikbüro von Elliniki Chalyvourgia

Seit dem 31. Oktober 2011 sind rund 300 Arbeiter des Stahlwerks Elliniki Chalyvourgia an der Ausfallstraße Richtung Peloponnes im Ausstand. Die Unternehmensführung will den Lohn um 40 Prozent kürzen und die Arbeitszeit komplett flexibilisieren. Das sei eine direkte Folge der griechischen Sparbeschlüsse, erzählen uns die Streikposten, die wir am 16. Februar besuchen. „Ich arbeite hier seit 14 Jahren und verdiene bisher tausend Euro im Monat“, sagt Charis, einer von ihnen. „Die Preise steigen, die Löhne sollen sinken, da können wir nicht mehr überleben. Also kämpfen wir.“ Der Unternehmer hat die Produktion nach Volos in das zweite Werk verlagert und lehnt Verhandlungen ab. Eine Lösung ist nicht in Sicht, die Streikenden halten sich mit Lebensmittelspenden und dem Verkauf von Solidaritäts-Coupons über Wasser.

Maria Delli, eine der wenige Frauen hier, erzählt vom Unterstützungsnetzwerk. Die Frauen der Stahlarbeiter haben sich zusammengetan und mit den Nachhilfeschulen für die Dauer des Streiks verhandelt, dass die Stunden gratis sind. Ärzte helfen mit unentgeltlicher Behandlung. „Wir sind die Vorhut der kommenden Arbeitskämpfe“, sagt Maria. „Wenn sie in der Schwerindustrie Monatslöhne von 600 Euro durchsetzen können, was sollen dann die Supermarktangestellten sagen?“ Alle, die wir nach den Erfolgsaussichten und den Perspektiven fragen, zucken mit den Achseln: „Es gibt keine Alternative.“ Ausgerechnet dieser Satz, der seit den Achtzigern unter dem Kürzel „T.I.N.A.“ oder „There is no alternative“, wie Margaret Thatcher zu sagen pflegte, den neoliberalen Rollback begleitet hat!

Hier ist das Interview:

interview_maria_klein.mp4 (73.98 MB)

Auf dem Rückweg in die Innenstadt sitzen vor allem Pakistanis, Bangladeshi und Afrikaner den Bus. Von den Migranten ist am wenigsten in dieser Krise die Rede. Dabei sind sie es, die es am härtesten trifft. Die Krise trifft die Migranten als Erstes. Viele waren im Baugewerbe tätig oder haben zu Hause Alte und Kranke gepflegt. Nun wird aber nicht mehr gebaut. Und viele Griechen können es sich nicht mehr leisten für die Pflege ihrer Angehörigen zu bezahlen. Die Bedingungen in den Auffanglagern werden noch mieser, die Jobgelegenheiten rarer und für die Regenschirme, Taschen oder Blumen, die migrantische Straßenverkäufer feilbieten, ist immer weniger Geld übrig. Die Übergriffe nehmen zu, Nationalisten und Faschisten hetzen mehr denn je gegen die „Fremden“.

Ein paar Tage später stoßen wir auf ein Youtube-Video, das eine Delegation der faschistischen Partei Chrysi Avgi („Goldene Morgenröte“) beim Besuch des bestreikten Stahlwerks zeigt. Ein Sprecher der rassistischen Organisation, deren Emblem eine Swastika-Stilisierung ist und die Pogrome gegen Migranten organisiert, kann ungehindert das Wort ergreifen. „Auch auch wir sind Arbeiter“, sagt der Typ mit Bürstenschnitt und Fliegersonnenbrille. Dann zeigt das Video Giorgos Sifonios vom Streikkommitee, den wir auch interviewt haben, wie er – eingerahmt von den Faschos – erklärt: „Wir haben ganz Griechenland auf unserer Seite.“ Auf den Lebensmittelpaketen, die die Delegation mitgebracht hat, kleben Sticker mit der Aufschrift: „Ich wähle Chrysi Avgi, um das Land vom Dreck zu befreien.“ Was ist da los? Sind die Streikenden zu feige oder zu mürbe, um sich von Faschisten zu distanzieren? Wollen sie tatsächlich Teil einer „unnachgiebigen nationalistischen Bewegung mit Volks- und revolutionärem Charakter“ sein, von der das Video schwafelt? Uns gegenüber hatten sie ihre Nähe zur kommunistischen Gewerkschaft Pame betont.

Aktualisierung 5.3.: Inzwischen ist auf der Seite der kommunistischen Gewerkschaft Pame, der auch Sifonios angehört, eine Erklärung des Streikkomitees erschienen, in der sie sich gegen die Vereinnahmung ihres Kampfes wehren. Sie hätten die Aufkleber auf den Lebensmitteln erst nach dem Abzug der Faschos gesehen.

Maria Delli organisiert das Unterstützungsnetzwerk

Maria Delli organisiert das Unterstützungsnetzwerk

Giorgos Sifonios vom Streikkommitee

Giorgos Sifonios vom Streikkommitee

Am Werkstor

Am Werkstor