Wahlkampfbudencheck mit dem Schwabinggrad Ballett

Die Parteienlandschaft Griechenlands ist reichhaltiger als die der meisten anderen europäischen Länder. Gegenwärtig sitzen 7 Parteien im Parlament. Dank einer 3-Prozent-Hürde erscheint es auch für kleinere neue Gruppierungen oder Abspaltungen möglich, ins Parlament zu kommen. Die Zeiten, in denen man einen Abgeordneten von NEA DEMOKRATIA oder PASOK treffen konnte, um irgend einen kleinen Vorteil für sich oder Familienangehörige rauszuschlagen, sind vorbei. Heute beschränkt sich der Wahlkampf auf kleine Buden, die von den einzelnen Parteien in der Stadt verteilt aufgestellt sind. Große Inszenierungen sind eher die Ausnahme. Insbesondere die PASOK vermeidet es, sich auf diese Art dem Spott der Leute auszusetzen. Als Jiorgos Papandereu kürzlich in der Business Class entdeckt wurde, musste er sich den ganzen Flug über derbe Beschimpfungen anhören. Das linke Lager ist, wie es sich für ein Land mit starker kommunistischer Tradition gehört, divers. Ein Freund sagte uns: “Eine Linke ohne Fraktionierung ist Betrug.” Es gibt die KKE als klassische Kaderpartei mit gegenwärtig 8% der Stimmen und einem radikalen Anti-Eurokurs, sowie diverse trotzkistische, maoistische und marxistisch-leninistische oder leninistisch – marxistische Abspaltungen. An deren Ständen dominiert das klassische rot.
Bei der KKE sagt der junge Mann, sie seien eine disziplinierte Partei und er könne da jetzt nicht individuell irgendwelche Statements abgeben. Das Programm sei im Netzt einsehbar.

Kommunistische Partei Griechenlands

Kommunistische Partei Griechenlands

Der Stand von der KKE ML/LM KKE scheint organisiert wie ein Familien-Clan. Der Vater erklärt uns das Program, während der halbwüchsige Sohn mit Camouflage-Cap gelangweilt daneben sitzt und die älteren Schwestern Handzettel verteilen. Diese werden erstaunlicherweise meist wohlwollend entgegengenommen.

Bündnis der Kommunistischen Partei Griechenlands marxistisch-leninistisch und der Leninistisch-marxistischen Kommunistischen Partei Griechenlands

Bündnis der Kommunistischen Partei Griechenlands marxistisch-leninistisch und der Leninistisch-marxistischen Kommunistischen Partei Griechenlands

„Wir rufen die Leute nicht dazu auf uns zu wählen damit wir regieren und die Krise lösen, die andere verursacht haben. Damit sich die Dinge wirklich ändern, braucht es jeden Bürger, jeden Griechen, jede Griechin, in den Kämpfen, die schon seit zwei Jahren geführt und die auch nach dem 17. Juni andauern werden, weil die Probleme nicht mit einer Regierung gelöst werden. Alle reden von der Neuverhandlung der Schulden, aber es ist bekannt, dass so etwas mit der Europäischen Union nicht möglich sein wird. Das größte Problem bei diesen Wahlen ist, dass sie versuchen den Menschen einzutrichtern, es gäbe keine Zukunft außerhalb der EU.”

Am Stand der revolutionären Linken ANTARSYA sitzten 4 sehr junge Leute, die recht beseelt Auskunft geben. Ja SYRIZA sei schon ok, aber die machen zu viele Kompromisse. Raus aus der Nato, Raus aus dem Euro sei schon das Mindeste. Aus den Lautsprechern dröhnt The Passanger von Iggy Pop und We don ́t need no education von Pink Floyd.

Antikapitalistische Linke Zusammenarbeit für den Umsturz

Antikapitalistische Linke Zusammenarbeit für den Umsturz

„Die Stimme für Antarsya ist eine Stimme für eine Linke Kraft, die garantiert, dass das Volk selbst begleitet durch das Programm unserer Partei in der Lage sein wird, seine Errungenschaften durchzusetzen, aus der Europäischen Union rauszukommen und die Banken und die großen Konzerne unter Kontrolle der Arbeiter zu bringen. Wir haben ein Programm, das eine unmittelbare Entlastung für das Volk mit sich bringt, das keine Illusionen ans Parlament schürt und das ermöglicht, dass die Menschen selbst auf der Straße das Memorandum aushebeln. Die Erfahrung zeigt, dass alle Errungenschaften des Volkes auf der Straße ausgefochten wurden und nicht durch eine Regierung. Wir glauben, dass unsere Inhalte in der Bewegung größeren Einfluß haben als unserer Einfluß bei den Wahlen. Die Umschuldung, der Schuldenaudit, die Veränderung der Haltung gegenüber dem neoliberalen Europa, das sind alles Forderungen der Bewegung. Beim letzen mal hat Antarsya 1,2% also so 75.000 Stimmenn erhalten.”

Bei der SYRIZA geht es eine ganze Ecke professioneller zu: ein großer luftiger Stand mit Sitzgelegenheiten, moderner Messebau, gute PA, fette Beats, großflächig bedruckte Folien. Geschickt nimmt SYRIZA Elemente des Straßenprotests der letzten Zeit in ihr Erscheinungsbild auf. Zu sehen sind Silouetten von dynamischen Menschenmengen auf Demos – mal ein Transprent oder ein Megafon haltend, mal Barrikaden überspringend oder die Hände ausgesteckt wie zur Abstimmung bei den Occupy Protesten. Die Slogans lauten: “Umbruch in Griechenland”, “Veränderung in Europa”, “Unsere Bedürfnisse über ihren Gewinn”, “Mit der Linken und dem Volk – gegen die Angst”.

Koalition der radikalen Linken - Unionistisches Gesellschaftsbündnis

Koalition der radikalen Linken – Unionistisches Gesellschaftsbündnis

„Syriza ist eine linke Kraft, die an den Bewegungen der letzten Zeit beteiligt war. Wir möchten die bisherige Politik aushebeln und den Jungen, den Arbeitnehmern, den Prekären, den Rentnern – also allen, die Opfer der bisherigen Politiken sind, Hoffnung geben. Syriza hat als erste Partei über die Neuverhandlung des Memorandums gesprochen. Das hat sich vor den Wahlen am 06.Mai verrückt angehört – jetzt fordern es alle. Die Realität wird durch die Entscheidungen der Menschen hergestellt. Die europäische Krisenpolitik ist ein Misserfolg – das zeigt sich grade in Spanien, Zypern und Italien. Wenn das so weiter geht, hat Europa keine Zukunft. Uns interessiert die Zukunft der Menschen in Europa. Diesen Kampf können nicht nur die Griechen führen, es ist ein Kampf aller Europäer, weil Griechenland das Beispiel für die EU ist. Und wenn die Menschen in Europa nicht ebenfalls Opfer der bisherigen Politik werden wollen, dann müssen sie uns stützen.“

Der Stand der PASOK ist designed wie ein Beauty-Salon: dezente Grüntöne, überall Bilder von „dem Dicken“, wie Venizelos, der frühere Finanzminister und Spitzenkanditag der PASOK allgemein genannt wird. Wie eine trotzige Notgemeinschaft harren hier die ParteisoldatInnen aus. Sie gehen eher widerwillig auf die Frage ein, warum man PASOK wählen solle.

Panhellenische Sozialistische Bewegung

Panhellenische Sozialistische Bewegung

Die Antwort lautet unwirsch: „Warum sollten die Leute nicht Pasok wählen? 2004 als wir mit Premier Kostas Simitis noch die Regierung gestellt haben, lag das Haushaltsdefizit bei 3,5 %. 2009 haben wir es bei 5% von der Nea Dimokratia übernommen. Vielleicht haben wir das zu spät realisiert – dafür tragen wir die Verantwortung. Aber wir waren nicht daran schuld. Deswegen glauben wir, dass wir den Haushalt wieder in Ordnung bringen – wenn sich die Wogen erstmal geglättet haben. Ja, es gibt Wut. Aber vielleicht hat das damit zu tun, dass wir es nicht geschafft haben, den Leuten zu vermitteln, wie wir die wirtschaftliche Lage von der vorherigen Regierung übernommen haben.“

Wahlstreik, weil, ich wähle bedeuted: ich übergebe mich der Ausbeutung und unterstütze die Macht

Wahlstreik. Weil, ich wähle bedeuted: ich übergebe mich der Ausbeutung und unterstütze die Macht

Der Stand der Grünen Partei Griechenlands besteht aus einem großen Transparent mit der typischen Sonnenblume und einer kleinen Bühne, auf der ein Packen Propagandamaterial abgestellt ist. Zu sehen ist stundenlang niemand.

Ökologen Grüne

Ökologen Grüne

Am Stand der DIMAR, der gemäßigten Linkspartei sagen uns die beiden älteren Damen: „Bitte keine Interviews. Wir sind nur Freiwillige. Ich kann nur von mir sprechen. Ich bin hier, weil die Stimme von DIMAR gehört werden muss. Das Extreme können wir nicht mehr ertragen. Die Politiker müssen sich hinsetzen und zusammenarbeiten. Die Menschen machen sich große Sorgen.“

Demokratische Linke

Demokratische Linke

Wenn man dem Diskurs der rechten Parteien folgt, scheint es wichtigere Probleme als den wirtschaftlichen Abgrund des Landes zu geben. Mit großer Leidenschaft redet man hier über das Problem der “illegalen” Einwanderer. Bei der rechtsradikalen LAOS ist man mehr oder weniger Stolz, dass die militanten Faschisten der Goldenen Morgenröte ihr Wahlprogramm abgeschrieben haben, betont aber, dass man eine friedliebende Partei sei – nur solle Griechenland eben den Griechen gehören.

Volksorthodoxer Alarm

Volksorthodoxer Alarm

“Ohne LAOS kann es keine Regierung geben. Es ist die einzige Partei, die über das Problem der “illegalen” Migranten redet. Die sollen alle verschwinden damit die Griechen Arbeit bekommen. Sollen wir sie füttern damit sie gratis medizinische Versorgung erhalten? Und was ist mit dem Geld, das sie verdienen, um es dann ins Ausland zu schicken? Für uns Griechen soll es die Euro-Drachme geben und für die anderen Europäer den Euro. Der Vorsitzende Karatzaferis ist der einzige Mensch, der nach Europa gehen kann. Er war der Erste im Europäischen Parlament. Er kennt alles und jeden innerhalb der Institiution der EU. Er ist der Größte und gebildet. Er hat ein großes Talent, Dinge vorherzusehen.”

Bei den unabhängigen Griechen, der kleinbürgerliche Abspaltung der NEA DIMOKRATIA, die beim letzten Mal immerhin 10% bekam, will man das „Problem“ im Zusammenarbeit mit der EU lösen. Lustigerweise entspricht der Herr mit verwegenem Bart optisch dem Klischee des ganovischen Kanacken, während direkt über ihm ein Bild des properen vertrauenswürdigen Spitzenkandidaten hängt.

Unabhängige Griechen

Unabhängige Griechen

“Die Leute sollen uns wählen, weil ich glaube, dass es realistisch ist, was wir über das Memorandum sagen, welches, wie sich inzwischen herausgestellt hat, keine Lösung liefert. Ich glaube, dass wir die überzeugenste Meinung haben, was die nationalen Themen betrifft, beispielsweise bezüglich der Migrationsproblematik und all diesen Dingen. Wir haben keine extreme Meinung dazu, wie z.b die Goldene Morgenröte. Das muss mit größtmöglicher Besonnenheit geklärt werden. Die Verantwortlichen in der EU sollen auch in diesem Problem zur Verantwortung gezogen werden. Wir denken ein Großteil der Schulden ist illegitim. Aus welchem Grund soll das griechische Volk Schulden bezahlen, die zum größten Teil für Schmiergelder ausgegeben wurden? Und da haben nicht nur Griechen mitgemischt, sondern da gibts ja auch welche, die diese Gelder bezahlt haben. So denke ich, dass dieser Teil der Schulden nicht vom griechischen Volk bezahlt werden muss.”

Bei der NEA DEMOKRATIA, die in den Umfragen angeblich wieder in Führung liegt, ist die kalte Oberfläche der Macht zum Greifen. Ein protziger Pavillon am Syntagmaplatz vor dem Parlament. Drei-Tage-Bart-Typen mit Ray-Ben-Brillen, Ladies mit teuren Frisuren. Mehrere große Bildschirme zeigen begeisterte Massen, blauer Teppichboden ist ausgelegt. Wie eigentlich an allen Ständen, wird uns auch hier erzählt, dass das Memorandum nachverhandelt werden müsse.

Neue Demokratie

Neue Demokratie

“ND unterstützt die europäische Perspektive, ist für einen Verbleib in der Eurozone und unterstützt die griechische Zukunft unserers Landes. Fortbestand der nationalen Souveränität. Sie unterstützt die Migrationspolitik, die wir als Griechen wollen. D.h: Ja zu den “legalen” Migranten, nein zu den “Illegalen”. Es muss eine drastische Bekämpfung geben was den illegalen Eintritt in unser Land angeht. Wir benötigen Hilfe von der EU, weil wir in der EU sind und die gleichen Probleme haben, sie aber nicht bewältigen können. So wie wir den wirtschaftlichen Problemen entgegentreten, so wollen wir das auch mit dem Migrationsproblem machen, nämlich mit der Frontex, die auch hilfreich zur Situation beigetragen hat. Anfänglich war die ND gegen den Beitritt in das Memorandum. Wir sind fälschlicherweise in das Memorandum eingetreten, weil Jiorgos Papandreu gesagt hatte, Geld wäre da und innerhalb eines Monats befanden wir uns im Memorandum. Wir müssen für einen bestimmten Zeitpunkt im Memorandum bleiben, um elastischere Maßnahmen auszuhandeln.”

Merkwürdig, SYRIZA wurde für ihre Forderung nach Neuverhandlungen des Memorandums quasi als Landesverräter gebrandmarkt.

Wahllisten des Wahlbezirks Athen A'

Wahllisten des Wahlbezirks Athen A’