Eventkultur in Zeiten der Krise

Der Wahlkampf geht in die Schlussrunde. Trotz der historischen Dimension, die allen hier bewusst ist, hält sich die Begeisterung für die unterschiedlichen politischen Parteien in Grenzen. Es war ein Wahlkampf in dem die SYRIZA mit ihrer Forderung nach Nachverhandlungen anfangs für verrückt erklärt worden war.

Mittlerweile gibt es keine Partei mehr, die nicht das Memorandum nachverhandeln will. Bestimmte Dinge durften nicht ausgesprochen werden. Was zum Beispiel ist, wenn die EU, angesichts der prekären Lage von Spanien, Italien und Zypern, doch noch Griechenland opfern und aus dem Euro schmeißt.

Das Theater der Parteien – die Wahlkampfverantstaltungen

An zwei aufeinanderfolgenden Abenden – am 14. und 15. Juni – geben die zwei Favoriten SYRIZA und die NEA DIMOKRATIA (ND) ihre zentralen Abschlusskundgebungen. Die Inszenierungen der so unterschiedlichen Parteien ähneln sich allerdings. In beiden Fällen scheint es vor allem um die mediale Wahrnehmung zu gehen, um das Schaffen mächtiger Bilder. Wohlwissend, dass sich große öffentliche Plätze nicht mehr so ohne weiteres mit Anhängern füllen lassen – fast alle anderen Parteien sahen von derartigen Spektakeln ab – wird der Raum eng gemacht. In jeder Kameraeinstellung soll die Illusion erzeugt werden, der Platz wäre hoffnungslos überfüllt, auch wenn in Wahrheit jeweils nur ein paar tausend Menschen unterwegs sind.
Die Dramaturgie ist ebenfalls in beiden Lagern vergleichbar. Aus den Boxen dröhnt aufpeitschende Musik, ab und zu hört man die Stimmen von SprecherInnen, die Parolen verbreiten. Die Personen zu diesen Stimmen bleiben unsichtbar. Zu sehen ist eine riesige Wand mit Parteiemblem und ein leeres Rednerpult.
Wie diese Form gefüllt wird ist im Detail dann doch recht unterschiedlich.

SYRIZA- Das soziale Lager?

Als wir bei der SYRIZA ankommen hören wir I Fought the Law von The Clash und danach People Have the Power von Patty Smith, was in diesem Kontext unwillkürlich zur Hymne wird. Wir sehen ein Meer unterschiedlicher Fahnen, das den Charakter einer Partei der sozialen Bewegungen unterstreicht. Eine lange Liste von Gästen – verschiedene Aktivisten und Parteien aus der Türkei, Spanien, Venezuela, Irland, Argentinien etc. – wird verlesen. Die Menge der Menschen ist heterogen: BewegungsaktivistInnen, RentnerInnen, junge Alternative, BildungsbürgerInnen, aber auch viel Publikum, das eher aus ärmeren Schichten zu kommen scheint. Diese gesellschaftliche Breite ist neu – vielleicht erweiterte SYRIZA deshalb seinen Namen um „Verbindende Soziale Front“ – denn das Lager der sozialen Hoffnung des Landes zu repräsentieren ist die größte Herausforderung der einst kleinen Weltverbesserer-Partei. Dass die Leute einen Wandel begehren, liegt in der Luft – obwohl die internationale Medienöffentlichkeit nicht müde wird SYRIZA als Option mit geradezu apokalyptischen Konsequenzen zu wiederholen, scheint man es hier versuchen, ja gar riskieren zu wollen, mit dem common sense der letzten Jahre zu brechen. Der Mut wird nicht ohne Vorsicht aufgebracht. Verhaltene Aufbruchstimmung, keine ungehemmte Euphorie. Als Vorband erscheint dann nach langem Warten die ehemalige Speerwerferin Sofia Sakorafa im weißen Leinenkleid. Sie steht als Person für die soziale Umorientierung der Gesellschaft: einst PASOK-Abgeordnete, wechselte sie das Lager aus Protest gegen die Memorandum-Auflagen. Sie bemüht sich, Siegesgewissheit und Seriösität auszustrahlen – mehr allerdings nicht. Dann kommt Tsipras im weißen Hemd ohne Krawatte. Seine Rede wird von Sprechchören flankiert. Seine Körperlichkeit hat diese obamaeske Wendigkeit.

 

AnhängerInnen der SYRIZA auf der Wahlkampfveranstaltung am Donnerstag, 14. Juni auf dem Omonia-Platz.

AnhängerInnen der SYRIZA auf der Wahlkampfveranstaltung am Donnerstag, 14. Juni auf dem Omonia-Platz.

In seiner Wahlkampfrede findet Tsipras große Worte für den bevorstehenden Wandel: „Am Sonntag lässt Griechenland die Angst hinter sich. Es wird ein Sieg der Demokratie, der Würde, der Hoffnung, der Verantwortung.“  Was das konkret heißt, darüber erfährt man an dem Abend wenig. Legalisierung der MigrantInnen, Verstaatlichung der Banken, Themen, die die europäische Linke derzeit beflügeln, muss man im Parteiprogramm nachlesen. Vielleicht gehört es sich auch nicht, bei emotional aufgeladenen Reden, die den Optimismus einer hoffnungsvollen Zukunft beschwören und den benötigten Neuanfang einer historischen Epoche zeichnen, zu sehr ins Detail zu gehen. Klar ist auf jeden Fall, dass die dunkle Seite der Macht mit ihren Vertretern Samaras und Venizelos wenigstens auf die Oppositionsbank geschickt werden soll. Der kommende Montag wird der Tag sein, an dem die unerfreuliche Arbeit losgeht. “Von Montag an ist Schluss mit der Zügellosigkeit. Die Party der anderen ist vorbei.” Er sagt aber auch: “Ohne euch können wir keinen einzigen Tag regieren.”

Nach der Rede werden in alter internationalistischer Tradition die GenossInnen aus den anderen Ländern auf die Bühne geholt. Als er kurz danach von den unaufdringlichen Bodyguards  geleitet an uns vorbei kommt, gelingt es einem von uns ihm scherzhaft bleidigt zuzurufen: „Ey Alexis, du hast das Schwabinggrad Ballett bei deiner Aufzählung vergessen“. Er antwortet irritiert: „Ich wusste nicht, dass ihr da seid.” Dann steigt er in seinen effektvoll bescheidenen Dienstwagen: einen schwarzen Scoda.

Zweifel sind nicht das Ding – die Versammlung der NEA DIMOKRATIA

In brüllender Lautstärke hämmert eine martialisch-düstere Darth-Vader-Musik über den Syntagma-Platz. Zu derartigen Hymen marschienen normalerweise Boxer in den Ring. Die SprecherInnen verbreiten pure Dämagogie: „Illegale Einwanderer zerstören das Land“, „Die Lobby der Drachme bereitet den Abgrund.“
Vorherrschend ist hier klassenbewusstes Klein- und Großbürgertum. Echte Mannsbilder, Ladies mit mehr oder weniger teuren Frisuren, Poppertypen, sowie die so genannten kleinen Leute, die Angst vor der Zukunft haben. Griechenland-Fahnen gibt’s umsonstt. Erstaunt hören wir von zwei jungen Typen, dass sie aus beruflichen Gründen hier sind: Die ND hat sie engagiert, um ein Parteibanner zu halten.

Auf dem Banner steht: "Wir gehen vorwärts: verantwortungsvoll entschlossen."

Auf dem Banner steht: “Wir gehen vorwärts: verantwortungsvoll entschlossen.”

Eine Frauen- und eine Männerstimme schallt in ohrenbetäubender Lautstärke über den Platz. Ihre geschmetterten Slogans erklären, wieso die ND gewählt werden soll. Wir suchen die Anheizer, und finden wir sie am hinteren rechten Bühnenrand.

Die Effekte, mit denen Emotionen erzeugt werden sollen, sind hier gröber. Als Samaras, die Bühne betritt, werden überall Pyros gezündet. Einheizer schreien die Menge an, die Lücken vor der Bühne zu schließen. Samaras, der auf den Fotos wie ein verschmitzter Buchhaltertyp rüberkommt, erscheint auf der Bühne vital und entschlossen.

Der einzige Slogan, der zu hören ist: “Ellas, Ellas, Antonis Samaras”. Der gleiche Slogan wie 2009 im Wahlkampf gegen Papandreou. Es scheint, als wären vor allem die eingefleischten Samaras-Wähler hier, die unabhängig von der Lage der ND treu sind.

Die Wahlkampfveranstaltung der ND am 15. Juni auf dem Syntagma-Platz.

Die Wahlkampfveranstaltung der ND am 15. Juni auf dem Syntagma-Platz.

Wir fragen die Wähler des ND-Vorsitzenden Samaras, der den Troika-Vertrag unterschrieben hat, nach ihrer Meinung zum Memorandum. Die meisten sind für seine Neuverhandlung, sie halten es für zu hart – vor allem die Auflagen zu Löhnen und Renten. Aber für manche fanatische ND-Fans, sind Inhalte auch völlig zweitrangig.

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Wir haben lange Diskussionen in der Beurteilung des SYRIZA-Auftritts. Einige von uns sagen, es sei nötig, sich professionell und seriös darzustellen. Man dürfe nicht vergessen, dass SYRIZA noch vor ein paar Monaten eine kleine Nischenpartei war. Jetzt müsste sie beweisen, dass sie auch Volkspartei sein kann. Andere finden, dass die Chance vertan wird, den Bruch mit einem abgewirtschafteten Politikbegriff und seinen Ritualen klarzumachen und dem behaupteten Aufbruch auch eine neue Gestalt zu geben.

1 Comment

  1. I fought the law and the law won.

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